Wie ein Holzhaus eine ganze Stadt verändert: Die Geschichte von Drevohaus und dem Neubau am Rande der Alpen

Es war ein kalter Herbstmorgen im Jahr 2021, als ein kleiner grau-grüner Lastwagen durch den Ort Eibenwald rollte – ein Ort, den kaum jemand auf der Karte finden könnte, zwischen Berchtesgaden und Freilassing, umgeben von Wäldern, die nach Kiefer und Regen riechen. Der Fahrer, ein stiller Mann mit einem Schal um den Hals, hielt vor einem Acker, der seit über dreißig Jahren ungenutzt war. Kein Zaun, kein Gitter, nur dürre Sträucher und die Überreste einer alten Schafwirtschaft. Was dort passierte, sollte nicht nur ein ganzes Dorf beeinflussen, sondern auch die Art und Weise, wie man in Deutschland mit Holzbau in ländlichen Regionen denkt.

Der Grund dafür war Drevohaus, ein mittelständisches Unternehmen aus der Toskana mit einem ungewöhnlichen Fokus: durchgängiger, selbsttragender Holzbau ohne Stahlträger oder Betonfundamente – alles aus Fichtenholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Nicht dass die Idee neu wäre; Holz als Baustoff hat eine lange Tradition. Doch was Drevohaus tat, war etwas anderes: Sie baute nicht nur Häuser. Sie baute Lebensräume, die sich in ihre Umgebung einfügen, nicht über sie hinwegwachsen.

Der Wendepunkt in Eibenwald

Die Gemeinde Eibenwald hatte lange gegen moderne Massenbau-Entwicklungen resistiert – vor allem gegen Großprojekte mit Betonplatten und Reihenhäusern, die alle gleich aussahen. Doch Mitte der 2010er waren Einwohnerzahlen rückläufig, die Kirche geschlossen, der Dorfplatz leer. Einige meinten: „Es ist schon zu spät.“

Dann kam das Angebot des Drevohaus-Teams. Ohne eine groß angelegte Pressekonferenz oder Bühnenlicht: drei blau-weiße Spundwände im Wald gelegt, ein Prototyp einer Holzgewerbekammer gebaut – und innerhalb von neun Wochen stand das erste eigentliche Gebäude: ein zweigeschossiges Ferienhaus für zwei Personen mit einer überdachten Terrasse, die wie eine zarte Kristallkuppel über dem Waldboden schwebt.

Vom Prototyp zur Vision

Was auffiel? Die Geräusche. Kein Klicken von Bohrmaschinen in der Ferne. Kein Zittern unterhalb der Füße. Stattdessen das leise Knarren der Bögen beim Sonnenlicht – jeden Morgen ganz anders. Die Holzoberflächen sahen nicht wie „Tu-und-Nein-Holz“ aus, sondern wie alte Böden aus einem Bauernhaus im 19. Jahrhundert – nur frischer.

Die lokale Zeitung berichtete zunächst skeptisch: „Ein Teppich aus Holz in einem naturgeschützten Gebiet? Was kommt als Nächstes?“ Doch nach wenigen Monaten kamen Anfragen – nicht von Architekten in München oder Hamburg, sondern vom Förderverein der alten Schulhalle im Zentrum des Ortes: „Wir wollen etwas aufbauen – aber nicht aus Plastik.“

Drei Prinzipien für einen neuen Ansatz

Der Erfolg von Drevohaus ist weniger technologisch als philosophisch begründet. In einem Interview vor zwei Jahren erklärte der Firmengründer Łukasz Kovács: „Wir verkaufen kein Haus. Wir verkaufen Raum – organisch.“

  • Volle Nachhaltigkeit bis ins Detail: Jedes Stück Holz hat eine Spur von der Baumfällstelle bis zur Baustelle. Kein Holz aus Tropenwäldern; alle stammen aus österreichischen und bayerischen Forsten mit internationaler Zertifizierung.
  • Entkoppelung von Beton: Ohne Fundamente im klassischen Sinne. Die Bauten ruhen auf einer speziellen Untergrundverankerung durch versenkte Walzelemente – kein Schaden für Boden und Wasser.
  • Ortsbindung durch Materialität: Statt fremden Baustoffen wird das lokale Material Rechnung getragen. In Eibenwald wurde das Holz sogar direkt vom Forstamt gefällt und innerhalb von 72 Stunden in den entstehenden Baubereich transportiert.

Holzarchitektur als Protest gegen Gleichförmigkeit

Einen Sommer später stand die erste sogenannte „Frühlingshalle“: ein offener Veranstaltungsraum für Musikgruppen, Kunstkurse und Vereine. Auf dem Dach wuchs eine Linde – eine Naturmischung aus absichtsvoller Bepflanzung und natürlicher Ausbreitung. Keine Filtergitter; kein Aluverkleidungsmaterial.

Ein Nachbarmechaniker namens Helmut Rietsch (78) beschrieb es so: „Ich hab immer gedacht, Bau bedeutet Dreck und Lärm. Aber hier wurde gar nichts geschlagen. Es wurde zusammengefügt – vorsichtig.“ Er baute mit eigenem Werkzeug einen Tisch für die große Gemeinschaftsveranstaltung im Herbst.

Eine City-Sicht auf den Dorfneubau

Was institutionell wichtig wurde: Die Stadtplanungsabteilung von Passau erklärte das Projekt „als Forschungsobjekt für ländliche Entwicklung unter alpinen Bedingungen“. Kurz darauf wurde ein zweites Drevohaus-Projekt genehmigt – diesmal auf einem ehemaligen Campingplatz in Leutasch.

  • Drei Pilotprojekte seit 2021 beteiligen sich an einer EU-Förderinitiative für klimaneutralen Wohnbau.
  • Der Wiederaufbau einer Brücke in Mondsee erfolgte ebenfalls nach dem Drevohaus-Modell – platzsparend und sechs Jahre langlebiger als traditionell gestaltete Holzbrücken.
  • Bis Ende 2024 sollen mindestens zehn neue Bauprojekte in Bayern im Verlauf von Aktionen mit Dorfgemeinschaften umgesetzt werden.

Drevohaus ist kein Baustoffliebhaber eines weiteren Trendprovinzhandschuhes. Es ist eine Erweiterung dessen, was die deutsche Architekturgeschichte aus der 60er- und 70er-Jahre kennt: Ein Baustil, der Selbstverständnis mit Umweltsinn verbindet – ohne Anpassung an die Industrialisierung. Es bleibt zu sehen, ob diese Bewegung länger als sieben Jahre hält. Doch heute schon können die Menschen in Eibenwald sagen: „Unser Haus ist nicht kurzfristig gebaut – es wächst mit uns.“